FAUST-REGEL 4: Du sollst Dein Translation Memory pflegen!

September 15th, 2020 by Christian Faust - Posted in Deutsch

Der Übersetzungsspeicher (engl. Translation Memory, abgekürzt TM) bildet seit Beginn der computerunterstützten Übersetzung (engl.: Computer Assisted Translation, abgekürzt CAT) das Herzstück aller Anwendungen.

Grundsätzlich handelt es sich um eine Datenbank, in der Sätze mit ihren entsprechenden Übersetzungen gespeichert werden, um zu einem späteren Zeitpunkt wiederverwendet zu werden. Das spart Zeit und Geld, denn nichts braucht doppelt übersetzt zu werden.

Computer sind doof

Bereits kleine Abweichungen im Ausgangstext bewirken, dass keine exakte Übereinstimmung gefunden wird, selbst wenn der Sinn unverändert geblieben ist. Bei diesen Abweichungen kann es sich um Kleinigkeiten handeln, wie ein fehlendes Komma oder eine Formatierung, aber auch um fehlende oder ergänzte Wörter oder Satzteile, geänderte Zahlen usw.

Mittlerweile erkennen die CAT-Tools solche Abweichungen, suchen im Memory nach den besten Entsprechungen und zeigen die Unterschiede zwischen dem geänderten Ausgangstext und der gespeicherten Übersetzung an. Der Übersetzerin wird auf diese Weise die Arbeit erleichtert und sie kann sich auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren.

Sprache ist mächtig

Sprache das mächtigste Tool, über das der Mensch verfügt. Zugleich ist es auch das feinste Werkzeug, das man sich nur vorstellen kann: der jeweilige Kontext, die Stimmlage, die Betonung sowie das Heben oder Senken der Stimme können völlig unterschiedliche Aussagen ergeben.

Die Schriftsprache ist einfacher strukturiert. Ihr fehlen einige Merkmale der mündlichen Artikulation. Doch selbst der schriftliche Ausdruck ist immer noch so komplex, dass automatische Übersetzungen auf absehbare Zeit kein fehlerfreies Ergebnis liefern werden: Ein Wort mehr oder weniger, eine veränderte Wortstellung, ein zusätzliches oder fehlendes Komma führen zu unterschiedlichen Bedeutungen, von Witz, Ironie, Sarkasmus, Anspielungen und dergleichen ganz abgesehen.

Funktionsweise

Wie oben bereits angesprochen: Der Ausgangstext wird vom Programm in Sätze aufgeteilt. In der Übersetzungsbranche wird der Begriff Segment verwendet. Ein Segment braucht nicht unbedingt ein natürlicher und vollständiger Satz zu sein, sondern es kann sich um alles handeln, das ein Satz- oder Zeilenende kennzeichnet: einen Punkt, eine Zeilen- oder Absatzschaltung, einen Seitenumbruch, definierte Felder oder Zellen usw.

Schwierig wird die Arbeit für die Übersetzerin, wenn Sätze in mehrere Segmente zerstückelt sind. Ursache hierfür sind oft manuelle Umbrüche, Konvertierungen aus ungeeigneten Programmen, OCR-Prozesse, leider oft auch die Datenübernahme aus PDF-Dateien.

Die Formatierung des Ausgangstexts bestimmt also die Segmentierung, was zuweilen zu recht absurden Ergebnissen führen kann. Wenn die Sätze bei der Segmentierung in mehrere Segmente zergliedert werden, die nicht 1:1 übersetzt werden können, wird das TM sogar unbrauchbar, denn ein TM verlangt eine sinngemäße Übereinstimmung zwischen Ausgangs- und Zielsegment.

Kontext: Übereinstimmungen von 100% bis 103%

Ein TM kann sein volles Potenzial erst dann ausspielen, wenn der Grad der Übereinstimmung 100% und besser beträgt. Ein höherer Prozentwert berücksichtigt den Kontext, den das Programm anhand vorstehender und folgender Segmente „erkennt“. Wenn der Kontext gesichert ist, geht der Aufwand für die Neuübersetzung gegen null.

Redakteure meinen es oft gut, wenn sie bestehende Texte bei einer Überarbeitung hier und da optimieren. Dabei muss aber bedacht werden, dass in diesem Fall eine Anpassung durch den Übersetzer erforderlich wird. Diese kostet Zeit und Geld.

Die Frage ist also: Stellt die kleine Verbesserung eine Notwendigkeit dar? Trägt sie dazu bei, den Text verständlicher zu machen oder einen Verkauf zu generieren? Auf reine Kosmetik kann fast immer verzichtet werden.

Textbausteine nutzen

Gängige Redaktionssysteme verwenden Textbausteine, um Bedienungsanleitungen aufzubauen. Dadurch wird die Erstellung der Texte einfacher und doppelte Übersetzungen werden vermieden. Diese Vorgehensweise kann auch in anderen Umgebungen genutzt werden: Standardtexte sollten in einer einzigen Version vorgehalten werden.

Außerdem ist es ratsam, einen einfachen Satzbau zu verwenden und besser mit mehreren kurzen Sätzen zu arbeiten, statt mit Nebensätzen. Kurze Sätze, die sich auf einen bestimmten Sachverhalt beziehen, können sehr viel einfacher wiederverwendet werden.

🔴 Hier noch einige wichtige Tipps:

Achte darauf, dass Dein TM Dir gehört

Du musst Dein TM nicht selbst pflegen. Das ist auch nur schwer möglich, wenn es in Deinem Unternehmen mehrere Stellen gibt, die Übersetzungen beauftragen. Du solltest auf Deinen Übersetzungsdienstleister vertrauen können.

Lasse Dir aber in jedem Fall zusichern, dass das TM, das aus den Übersetzungen Deines Unternehmens aufgebaut wird, Dir bzw. Deinem Unternehmen gehört. Verweigert der Sprachendienstleister die Herausgabe des TMs, erschwert Dir das einen Wechsel zu einem anderen Anbieter. Schlimmstenfalls muss Dein TM neu aufgebaut werden und Du verlierst einen großen Teil der bestehenden Übersetzungen.

Entscheide Dich für einen einzigen Übersetzungsdienstleister

Das TM bringt seine Stärke natürlich dann zur Geltung, wenn alle übersetzten Segmente genutzt werden können. Das funktioniert nicht, wenn Du den einen Übersetzungsauftrag hierhin und den anderen dorthin vergibst. Deshalb entscheide Dich für einen einzigen Übersetzungsanbieter (d.h. für uns 🤣) – zumindest für eine bestimmte Sprachkombination. Und befolge dabei den vorstehenden Tipp!

TMs sammeln Müll an

Wie kann es sein, dass sich im TM sprachlicher Übersetzungsmüll ansammelt? Die ehrliche Antwort: schwer zu sagen. Ein verblüffender Fakt ist, dass sich im Laufe der Monate und Jahre in jedem Memory Einträge finden, die keinen Sinn ergeben. Schlechte Segmentierung, fehlerhafte Übersetzungen, technische Weiterentwicklungen, neue Produktreihen, verbesserte Prozesse, geänderte gesetzliche Bestimmungen usw. usf. können dazu führen, dass die im TM gespeicherten Segmente obsolet werden oder schlicht unbrauchbar sind. Eine schnelle und einfache Wiederverwendung gespeicherter Übersetzungseinheiten wird dadurch erschwert.

Bei FaustTranslations gehen wir deshalb so vor, dass wir zirka alle zwei Jahre ein neues Memory für jeden Kunden anlegen. Das alte Memory wird dann ausschließlich zum Lesen verwendet. In das neue Memory werden ab dem Zeitpunkt X nur neue Übersetzungen und geprüfte Einträge aus dem alten Memory gespeichert. Das ist nach unserer Erfahrung die beste Vorgehensweise. Die TMs unserer Kunden sind damit immer auf dem aktuellen Stand.

🔴  Das TM geht Hand in Hand mit der Terminologiedatenbank (engl. Termbase, TB). Siehe auch Faust-Regel 2: Du sollst Deine Terminologie pflegen! Werden beide Elemente intelligent genutzt, lassen sich Kosten und Aufwand wesentlich verringern, bei gleicher oder besserer Qualität.

Die Faust-Regel 4 „Du sollst Dein Translation Memory pflegen“ betont die Bedeutung des TMs als Herzstück der Übersetzungsumgebung.

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