FAUST-REGEL 1: Du sollst dein Projekt perfekt vorbereiten!

August 4th, 2020 by Christian Faust - Posted in Deutsch

Die erste und wichtigste Faust-Regel ist so offensichtlich, dass sie eigentlich keiner Erklärung bedarf. Wir wissen alle, dass Ergebnisse maßgeblich vom Input abhängen. Dennoch unterschätzen wir die Wichtigkeit dieser Erkenntnis oftmals sträflich.

Im alltäglichen Sprachgebrauch kommentieren wir bei FaustTranslations die mangelhafte Beachtung dieser Regel mit der Feststellung: „Shit in, shit out!“ – manchmal begleitet von einem Lachen, manchmal von einem Schimpfwort.

Was ist passiert?

Das Endergebnis entspricht in irgendeiner Hinsicht nicht den Erwartungen. Solange wir darüber lachen können, ist es nicht so schlimm. Im anderen Fall kommen meist Nacharbeiten und Überstunden auf die Übersetzer und uns zu (oder höhere Kosten auf den Kunden).

Ein interessanter Aspekt im Übersetzungsmanagement ist, dass keine zwei Übersetzungsprojekte identisch sind. Selbst wenn es auf den ersten Blick manchmal so scheinen mag und der Kunde keine besonderen Anforderungen gestellt hat: Oft verhält es sich anders. Meist, wenn man nicht damit rechnet.

Projektmanagerinnen müssen die Gewohnheit entwickeln, das zu sehen, was nicht sichtbar ist, und diejenigen Informationen abzufragen, die der Kunde nicht mitgeteilt hat, die ihm womöglich nicht bewusst oder die ihm derart selbstverständlich sind, dass er seine Erfordernisse gar nicht erst benennt. Es kann durchaus vorkommen, dass wir Bestellungen ohne Angabe der gewünschten Zielsprache erhalten: „Bitte übersetzen Sie den beigefügten Text!“ So viel dazu.

In der Regel verfügen unsere Projektmanagerinnen, die ihren Kunden fest zugeordnet sind und die die Anforderungen des Unternehmens genau kennen, bereits über alle Basisinformationen. Die eigentlichen Schwierigkeiten sind meist verborgen.

Dateiformate und Konvertierungen

Der erste Schritt im Übersetzungsmanagement besteht in der rigorosen Prüfung der Ausgangsdatei, zum Beispiel:

  • Ist absolut klar, was übersetzt werden soll?
  • Sind alle Texte editierbar?
  • Ist der Kontext eindeutig?
  • Enthält der Ausgangstext mehrere Sprachen oder bereits übersetzte Teile?
  • Gibt es Textlängenbeschränkungen?
  • Sind eingebettete Daten vorhanden? Wie sollen sie behandelt werden?
  • Soll die Bedienoberfläche übersetzt werden oder bleibt sie in der Ausgangssprache?
  • Erscheint der Text im Übersetzungsprogramm sauber segmentiert und vollständig?
  • Kann es Schwierigkeiten bei der Konvertierung geben? (PDF, IDML, HTML, …)
  • usw. usf.

Die Hauptaufgabe besteht an diesem Punkt darin, dass dem Übersetzer eine Arbeitsdatei mit Anweisungen zur Verfügung gestellt wird, die keine Fragen offenlassen.

Qualität des Ausgangstexts

Bei der Prüfung des Ausgangstexts spielt natürlich auch dessen Qualität eine Rolle. Schwierigkeiten für Übersetzer ergeben sich oft aus einer fremden (auch unternehmensspezifischen) Fachterminologie, aus grammatikalisch fehlerhaften oder unvollständigen Sätzen, umgangssprachlichen Wendungen und Texten, die Witze, Ironie, Wortspiele enthalten.

Hier geht es weniger darum, dass der Übersetzer einen Sachverhalt nicht versteht, als dass die Umsetzung in die Fremdsprache an den Rahmenbedingungen scheitern kann. Wenn der Ausgangstext zum Beispiel auf einem Wortspiel aufbaut und dazu noch ein passendes Foto zeigt, gibt es mit ziemlicher Sicherheit Probleme, die frühzeitig entschärft werden können.

Terminologie

Eine einheitliche Terminologie in sämtlichen Übersetzungen eines Unternehmens gehört zu den größten Herausforderungen und Ärgernissen im Übersetzungsmanagement. Deshalb haben wir hierfür auch eine eigene Regel (siehe Faust-Regel 2).

Es sei an dieser Stelle lediglich darauf hingewiesen, dass die Gewährleistung einer einheitlichen und konsistenten Terminologie zu den wichtigsten Aufgaben einer Projektmanagerin zählt. Sie muss von Anfang an dafür sorgen, dass im Projekt die richtige Terminologie verwendet wird. Dafür fordert sie beim Kunden die bestehenden Glossare an und erkundigt sich nach einem Ansprechpartner zur zeitnahen Klärung möglicher Rückfragen. Die Pflege der im Projekt verwendeten Terminologie und die konsistente Verwendung der Fachbegriffe versteht sich wiederum von selbst.

Formatierung und Layout

Der Text der Übersetzungen ist meist länger oder kürzer als der Ausgangstext, selten exakt gleich. Während eine kürzere Textlänge meist keine Probleme bereitet, sieht es bei Texten, die in der Fremdsprache wesentlich länger werden, ganz anders aus.

Wurde das Layout des Ausgangsdokuments so gestaltet, dass nicht viel „Luft“ bleibt, ergeben sich im Zieldokument erhebliche Schwierigkeiten bei Umbrüchen oder zu knapp bemessenen Textfeldern. Als extrem ungünstig erweisen sich Absatz- und Zeilenumbrüche innerhalb von Sätzen oder auch Displaymeldungen mit einer begrenzten Zeichenanzahl, die vollständig ausgeschöpft wurde. Dem Übersetzer bleibt dann null Spielraum und er muss sich unter Umständen für ungelenke Lösungen entscheiden.

Viele Dateien (meistens PDF-Formate) verlangen eine Vorbereitung, damit das Übersetzungsergebnis ohne erforderliche Nacharbeiten „passt“. Das ist insbesondere dann wichtig, wenn in viele Sprachen gleichzeitig übersetzt werden soll. Ein möglicher Nachbearbeitungsaufwand multipliziert sich mit der Anzahl der Sprachen.

Nachträgliche Änderungen

Wenig bewusst ist Auftraggebern, dass nachträgliche Änderungen während eines laufenden Übersetzungsprojekts einen hohen Aufwand mit sich bringen. Projektmanager sind daher gefordert, beim Kunden die definitive Version der Dokumente zu besorgen, bevor das Projekt zur Bearbeitung freigegeben wird – was auch im Sinne des Kunden ist, um höhere Kosten als geplant zu vermeiden.

Verwendungszweck der Übersetzung

Der Zweck, zu dem die Übersetzung verwendet werden soll, ist dem Kunden meist bekannt, dem Projektmanager (und den Übersetzern) jedoch nicht unbedingt. Manche Kunden wünschen oft einfach „eine Übersetzung“.

Hier kann eine konkrete Angabe zum Verwendungszweck Zeit und Geld sparen oder auch die hohe Qualität sichern, die unausgesprochen gewünscht wird. Eine Übersetzung zu reinen Informationszwecken kann wesentlich schneller und preisgünstiger erstellt werden als ein Text, der marketingsprachliche Anpassungen an den Zielmarkt verlangt. Ebenso wird eine Pressemitteilung lieber einmal mehr als einmal zu wenig nachgelesen, und für Verträge, Bilanzen, Beipackzettel müssen zwingend die geeigneten Fachübersetzer eingesetzt werden. Für geheime, streng vertrauliche Dokumente gelten wiederum andere Vorkehrungen.

Geographie und Zielgruppe

Viele Unternehmen sind international auf zahlreichen Märkten tätig und in Kontakt mit unterschiedlichen Zielgruppen: interne Stellen, verbundene Unternehmen, Endverbraucher (B2C), Geschäftskunden (B2B), Lieferanten, Partner und Investoren, Beratungsunternehmen, staatliche Stellen und Behörden usw., die unterschiedlich angesprochen werden müssen.

Dabei ist nicht nur der Stil relevant, sondern auch die geographische Weltregion, was durchaus eine Rolle spielt bei Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Französisch, aber ebenso bei Niederländisch (Niederlande / Belgien), Deutsch (Deutschland / Österreich / Schweiz / Luxemburg / Ostbelgien), Arabisch (Marokko / Ägypten / Saudi-Arabien), usw.

Referenzmaterial

Steht Referenzmaterial zur Verfügung? Gibt es Webseiten, bereits bestehende Übersetzungen, ergänzende Dokumentationen, eventuell sogar Material von Wettbewerbern, das berücksichtigt werden kann und soll? Je mehr Informationen dem Übersetzer vorliegen, desto besser wird das Ergebnis seiner Arbeit ausfallen.

Die Faust-Regel 1 „Du sollst dein Projekt perfekt vorbereiten!“ ist folglich alles andere als eine banale Aufforderung, sondern soll selbst die erfahrensten Projektmanager immer wieder darauf aufmerksam machen, ganz genau hinzuschauen, präzise nachzufragen und den Verlauf des Projekts bis zum Abschluss durchzuspielen, noch bevor das erste Wort übersetzt worden ist.

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